Nachschau - Veranstaltung am 25.02.2012

 

 

 

 

 

Eintagesseminar
zum Thema

Das unbekannte, fremde Land –

was geht uns Afghanistan an?

Neue Perspektiven nach der Afghanistan-Konferenz

im Dezember 2011

am Samstag, 25. Februar 2012, 09.00 - 16.00 Uhr 
in der Landeszentrale für politische Bildung in Dresden
(Vortragssaal), Schützenhofstraße 36, 01129 Dresden
 
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Eigenbericht zur Veranstaltung

„Die Fortschritte sind Feuer der Hoffnung“

Was uns Afghanistan angeht

Dresden. Zehn Jahre nach dem Ende des Taliban-Regimes in Afghanistan zog die Landesgruppe Sachsen Bilanz über Erfolg oder Misserfolg des internationalen Engagements im Land am Hindukusch. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Referenten des Eintagesseminars: Andreas Kistemaker, Landespolizei Nordrhein-Westfalen (links oben), Dr. Martin Schuldes, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ( oben rechts) Dr. Christian Wagner, Stiftung Wissenschaft und Politik (links) und Sabina Matthay, langjährige Südostasienkorrespondentin der ARD (rechts)

Zwei tote US-Soldaten, wütende Proteste, Aufruhr. Das war die Bilanz der Pressemeldungen für den Samstagmorgen, an dem das Frühjahrsseminar der Landesgruppe Sachsen in Dresden beginnen sollte. Kurz zuvor verbrannten US-Soldaten die Heilige Schrift der Muslime, den Koran, und riefen damit heftige Reaktionen in Afghanistan hervor. Aktueller kann ein Einstieg in das komplexe Thema Afghanistan nicht sein. Die Sicherheitslage ist das Leitmotiv bei jeder Diskussion um die Lage in Afghanistan. Aber dieses Mal richtete sich der Blick außerhalb des militärischen Sichtwinkels auf die zivile Seite. Wie also hat sich die Sicherheit auf polizeilicher Ebene entwickelt, konnte die Wirtschaft des Landes wachsen, welchen Einfluss nimmt das Nachbarland Pakistan ein und welchen Weg geht die afghanische Gesellschaft in Zukunft? Diese Fragen standen für die Teilnehmer im Mittelpunkt, die sich in der Villa der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB), dem Mitveranstalter neben dem Reservistenverband und der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW), einfanden.

Als die ersten Polizeimissionen ab 2002 nach Afghanistan entsandt wurden, fanden die Beamten so gut wie nichts vor, schildert Andreas Kistemaker von der Landespolizei Nordrhein-Westfalen. Kistemaker, der selbst den Aufbau vor Ort mehrere Monate begleitete, spricht präzise und konkret die Erfolge der letzten Jahre an. Quasi aus dem Nichts mussten  Strafermittlungsbehörden aufgebaut, polizeiliche Führungs- und Kommunikationsstrukturen entwickelt und fallbezogene Ermittlungstätigkeiten aufgenommen werden. Wichtigster Auftrag ist aber die Ausbildung einheimischer Polizeibeamter. Kein leichtes Unterfangen bei einer Analphabetenquote von über 70%. Daneben sind Korruption, niedrige Löhne sowie Kulturdifferenzen bei den Ausbildungs- und Trainingsmethoden die wesentlichsten Herausforderungen der alltäglichen Polizeiausbildung vor Ort. Und dennoch konnten in Nordafghanistan 2011 mehr als 5.000 Polizisten ausgebildet werden.

Ein Wirtschaftswachstum von 8%, eine gestiegene Lebenserwartung der Bevölkerung und ein verdreifachtes Pro-Kopf-Einkommen - so liest sich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Dr. Martin Schuldes vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) weiß, wovon er spricht. Als Fachmann, dem der Aufenthalt in jenem  Land persönlich sehr prägte, verhehlt er nicht, dass die Ausgangslage für das Wachstum extrem niedrig war. Das Land werde noch lange wirtschaftlich von ausländischen Geberstaaten wie Deutschland abhängig sein. Aber es gibt Erfolge, auf die mit dem „Konzept der strategischen Geduld“ weiter aufgebaut werden könne, schließt Schuldes.

Teilnehmer des Seminars  in der Villa der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB)

Über die schwierige außenpolitische Lage im Zusammenspiel mit Pakistan sprach Christian Wagner. Dass Afghanistan 1947 Pakistan nicht als Staat anerkannt hat, war eine stete Belastung zwischen den beiden Nachbarn. Nach dem Ende der sowjetischen Besatzung verknüpft Pakistan seinen westlichen Nachbarn mit dem Kashmir-Konflikt gegen Indien. Afghanistan, erläutert Wagner, wird damit zum Rückzugsgebiet für den pakistanischen Geheimdienst (ISI) und dessen Ausbildung religiöser Kämpfer für den Kampf gegen die Inder. Die Taliban werden nach dem 11. September zum zweischneidigen Schwert für Pakistan. Einerseits nützlich für die eigenen Interessen gegen Indien, andererseits gefährlich, als diese gegen den Westen und gegen den eigenen Staat vorgehen. Perspektivisch wird somit die afghanische Außenpolitik eng von der pakistanischen Politik zu Indien abhängig sein.

Haben wir nun dauerhafte Spuren der Hoffnung für das Leben der Menschen in Afghanistan hinterlassen? Diese Frage stellte die letzte Referentin, Sabina Matthay. Die langjährige Südostasienkorrespondentin der ARD warf einen kritischen Blick in die Zukunft. Nach dem Abzug der westlichen Truppen könne die Wirtschaft des Landes kollabieren. Dies würde junge arbeits- wie hoffnungslose Männer, die die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung ausmachen, in die Arme der Taliban treiben. „Schon heute gehen etwa 80% der gewaltsam getöteten Zivilisten auf das Konto der Taliban“, so Matthay. Doch es gibt unzweifelhaft auch Fortschritte. Diese Fortschritte seien die kleinen Feuer der Hoffnung für das geschundene Land.

Dass einige dieser Hoffnungszeichen unmittelbar im Publikum vertreten war, offenbarte sich in den Diskussionen und Fragen der Teilnehmer. Unter der Gruppe Offizieranwärter von der Offizierschule in Dresden befanden sich auch afghanische Anwärter. Aus erster Hand konnten somit alle sehen, erfahren und verstehen, welche Herausforderungen und welche Perspektiven das Land haben kann. Ein Highlight, das Martin Schuldes in seinen Worten  bestätigte, dass die Zielvorstellungen junger Afghanen moderner sind als wir es hierzulande oft annehmen.

Text:    Kudrass/Kleintges

Fotos:  Hauptvogel

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