Nachschau - Veranstaltung am 06.10.2010

Pressebericht

zur

Auftaktveranstaltung

 der Wintervortragsreihe 2010/2011 der GfW-Sektion Halle

 Freundliches Desinteresse – aber nicht in Halle

Journalist berichtete vom Kriegsalltag unserer Soldaten in Afghanistan

Halle. Am vergangenen Mittwoch startete die Sektion Halle der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. im großen Festsaal des Stadthauses ihre fünfteilige Wintervortragsreihe 2010/2011, wie immer in Kooperation mit der Stadt Halle, dem Landeskommando Sachsen-Anhalt der Bundeswehr, dem Reservistenverband der Deutschen Bundeswehr – Landesgruppe Sachsen-Anhalt, der Jakob Kaiser Stiftung, Königswinter – Weimar sowie erstmalig unter Beteiligung der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik e.V. – Sektion Sachsen-Anhalt. Leitthema der nunmehr sechsten Wintervortragsreihe in Folge: „Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und das freundliche Desinteresse der ‚Heimatfront’“.

Den Auftakt bestritt der Chefredakteur des monatlich erscheinenden sicherheitspolitischen Magazins „loyal“, Marco Seliger. Der Journalist und Reserveoffizier hat mehrfach an Auslandseinsätzen der Bundeswehr teilgenommen und darüber hinaus die Einsatzgebiete als journalistischer Beobachter regelmäßig bereist. Erst kürzlich hielt er sich zum wiederholten Male in Afghanistan auf. Mit frischen Eindrücken zurückgekehrt, vermittelte er einer interessierten Zuhörerschaft eine kritische Bestandsaufnahme zur Lage am Hindukusch im 9. Jahr des deutschen Afghanistan-Einsatzes, visuell ergänzt durch eindrucksvolles Fotomaterial von einer Polizeistation in Chahar Darreh nahe Kunduz, die von der Bundeswehr als vorgezogene Operationsbasis genutzt wird. Bedrückende Bilder vom Kriegsalltag in Afghanistan.  

Marco Seliger beim Vortrag (Foto: Norbert Stäblein)

Marco Seliger weiß, wovon er spricht: Er hat bei seinen vielen Aufenthalten in Afghanistan hautnah erfahren, wie sich die Lage am Hindukusch im Laufe der Jahre verändert hat. „Noch im Jahr 2002 hätten Soldaten zu Fuß durch Kabul gehen können, gegenwärtig bewegten sich die ISAF-Truppen nur noch in gepanzerten  Fahrzeugen, weil Sprengfallen, Hinterhalte und Selbstmordattentäter eine allgegenwärtige Gefahr darstellten. Mehr noch stünden heute auch die Bundeswehrsoldaten wie die aller anderen Nationen häufig im Gefecht. In der Unruheprovinz Kunduz gehörten Scharmützel mit den Rebellen mittlerweile zum Alltag. Der Auftrag zur Stabilisierung Afghanistans habe damit eine neue Dimension erhalten“, verdeutlichte Seliger die dramatischen Veränderungen der Gefährdungslage für unsere Soldaten und betonte zugleich die Notwendigkeit, Material und Ausrüstung dem veränderten Bedrohungsszenario anzupassen.

Seliger übte harsche Kritik, dass es trotz manch anders lautender Beteuerungen von Bundeswehrführung und Politik erhebliche Mängel an Material und Ausrüstung gäbe. Die Defizite reichten von einer zum Teil untauglichen persönlichen Ausrüstung der Soldaten über nicht klimatisierte Schützenpanzer bis hin zu nicht vorhandenen leichten Transporthubschraubern. „Gerade die schnelle Luftbeweglichkeit der Truppen  sei unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Bekämpfung der Aufständischen und bestimme letztendlich über Erfolg oder Misserfolg der ISAF-Mission“, betonte Seliger und erläuterte: „Nur wenn es gelingt, die Taliban aus den Dörfern zu vertreiben, könne man das Vertrauen der Afghanen gewinnen, das Land stabilisieren und an einen friedlichen Wiederaufbau denken.“ Seliger ließ aber offen, ob sich aus seiner Sicht diese Zielsetzungen nach neun Jahren im Lande überhaupt noch realisieren ließen.

Als realitätsfern bezeichnete Seliger hingegen klar alle Bemühungen, demokratische Strukturen am Hindukusch etablieren oder „gemäßigte“ Taliban mit dem Scheckbuch zur Aufgabe ihrer Rebellion bewegen zu wollen. Solche Vorstellungen offenbarten erschreckende Unkenntnis über Land und Leute am Hindukusch. Ob Taliban, Warlords, Kriminelle  oder Staatsbedienstete – alle seien Teil eines Erpressungssystems, das ganz Afghanistan überwuchere. Korruption und Schutzgelderpressung gehörten dort eben so zum Tagesgeschäft, wie Entführungen betuchter Afghanen, Drogenhandel oder Schmuggel. Darüber hinaus flössen immer noch reichliche Spendengelder aus den Golfstaaten. „Geldsorgen dürften die Aufständischen daher nicht haben“, folgerte Seliger und stellte vor diesem Hintergrund klar, „dass wir gar nicht genug Geld aufbringen könnten, wie erforderlich wäre, um die Aufständischen „herauskaufen“ zu können“.

Der von schonungsloser Offenheit gekennzeichnete Vortrag des „loyal“-Chefredakteurs offenbarte das gegenwärtige Dilemma des Afghanistan-Einsatzes: Militärischer Stillstand und politische Perspektivlosigkeit. Wie geht es weiter in Afghanistan? Eine Antwort auf diese Frage erwartet nicht nur die Bevölkerung, sondern in erster Linie haben die Soldatinnen und Soldaten einen Anspruch darauf zu erfahren, wofür sie in einem unwirklichen fernen Land mit feindseligen Menschen ihr Leben riskieren sollen.  

Sektionsleiter Oberstleutnant a.D. Jürgen Rann dankte dem Referenten ausdrücklich für seine offenen Worte, mit denen er, ganz im Sinne der Zielsetzung dieser Wintervortragreihe, der Zuhörerschaft ungeschminkte Einblicke in die Lage am Hindukusch vermittelt hat. Man wolle sich auch in den Folgeveranstaltungen bei der Information über den Afghanistan-Einsatz vor allem vom Mut zu Ehrlichkeit und Transparenz leiten lassen.

Von „freundlichem Desinteresse“ der Bevölkerung, dass der ehemalige Bundespräsident Köhler in einer viel beachteten und zitierten Rede den Deutschen ins Stammbuch schrieb, war bei diesem Vortragsabend übrigens nichts zu spüren. Ein voller Saal sowie ein diskussionsfreudiges, engagiertes Auditorium waren vielmehr spürbarer Ausdruck von außerordentlichem Interesse am deutschen Afghanistan-Engagement und zugleich eine eindrucksvolle Solidaritätsbekundung mit den in gefährlicher Mission am Hindukusch eingesetzten Soldaten der Bundeswehr.

In der nächsten Veranstaltung am Mittwoch, dem 10. November 2010, 19.00 Uhr im Stadthaus, wird der Stellvertretende Befehlshaber im Wehrbereich III, Brigadegeneral Reinhard Golks, vor dem Hintergrund seiner eigenen Afghanistan-Einsatzerfahrung über die Operationsführung zur Bekämpfung der aufständischen Taliban referieren. Die weiteren Veranstaltungen im Rahmen dieser fünfteiligen Vortragsreihe finden am 01.12.2010 sowie am 16.02. und 29.03.2011 statt. Die Vortragsreihe ist vom Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) als Lehrerfortbildungsveranstaltung anerkannt. Alle Veranstaltungen sind öffentlich. Der Eintritt ist frei.

Jürgen Rann, Oberstleutnant a.D., GfW-Sektionsleiter Halle

 

Bericht in der "loyal" Nr. 12/2010

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